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AUTONOMIE DER MIGRATION

Wo wir in dieser Debatte stehen

Zuallererst möchten wir betonen, dass die folgenden Standpunkte nicht notwendigerweise die des gesamten Karawane-Netzwerkes sind, da wir bisher keine erschöpfende Diskussion und Entscheidungsfindung zu diesen Punkten herbeiführen konnten. Allerdings handelt es sich um den Diskussionsstand einiger Gruppen innerhalb des Netzwerkes, woraus sich durchaus eine gewisse Repräsentativität ergibt.

In den vergangenen Jahren war die Diskussion des “Autonomie der Migration”-Ansatzes in weiten Teilen der deutschen Linken und darüber hinaus schwer in Mode. Schwammige Theorien und vage Vermutungen, verquickt mit dem, was für “Enthüllungen” und “Entdeckungen” gehalten wurde, bestimmten die Auseinandersetzung, im Zuge derer einige Gruppen auf diese Linie einschwenkten, während andere zu betonen versuchten, was bisher in diesem Diskurs bewußt übersehen oder fälschlicherweise für irrelevant gehalten wurde. Inmitten dieser widerstreitenden Pole fanden sich die ebenfalls konfligierenden oder komplementären Positionen einiger Flüchtlings-/MigrantInnen- und Antirassistischen Gruppen und Individuen mehr schlecht als recht wieder. Wir, als Netzwerk mit wesentlichem Schwerpunkt in der Flüchtlingsarbeit, halten es daher für nötig, einige für uns wichtige Beobachtungen und Aspekte in die Debatte einzubringen, bevor sie völlig missverstanden oder ausgeblendet werden.

Das ist von besonderer Wichtigkeit vor dem Hintergrund, dass wir aus Erfahrung wissen, dass einige mit “Flüchtlingsarbeit” befasste Gruppen nur wenig Verständnis für die Perspektive der Flüchtlinge aufzubringen im Stande sind. Dies war z. B. im Zusammenhang mit dem Bericht der Süssmuth-Kommission der Fall, der dem bald zu verabschiedenden “Zuwanderungsgesetz” vorangegangen ist. Viele waren damals recht schnell bereit, den Bericht positiv als “Paradigmenwechsel” der deutschen Politik zu werten. Als aber die konkrete Gesetzesvorlage auf dem Tisch lag, wich die Euphorie augenblicklich der Enttäuschung. Die von massiver Propaganda der Bundesregierung geschürten Erwartungen, dass Deutschland sich zu einem Selbstverständnis als Einwanderungsland würde durchringen können, waren bestenfalls naiv. In dieser Zeit waren es die Flüchtlingsgruppen, die betonten, das das geplante Gesetz verschärfte Internierung und Abschiebung statt der angekündigten Zuwanderung zur Folge haben würde. Heute, während noch immer über die Verabschiedung des Gesetzes gefeilscht wird, bestehen an seinem Charakter keine Zweifel mehr. Es ist ärgerlich, dass sich die Diskussion um dieses Gesetz breitmachen konnte, ohne den Argwohn derer zu erwecken, die es freudig begrüßt haben.

Wir können uns nicht entsinnen, dass ein oder zwei Jahre vor dem Versuch, dieses Gesetz auf den Weg zu bringen, diese Fragen in gleicher Weise diskutiert worden wären wie in der vergangenen Zeit. Was geht hier also vor? Was hat diesen beispiellosen Hype verursacht? Lag es daran, dass diese Form der Migration früher nicht stattgefunden hat oder dass besagte Gruppen schlicht nicht imstande waren, die Intention und Konsequenzen der Gesetzesänderungen vorherzusehen? Oder hat sie stattgefunden, war aber nicht autonom? Betonen einige dieser Gruppen die unbezwingbare Stärke der Migration, während sie entdecken, dass viele Flüchtlinge durch die prekäre Situation dort gezwungen werden, ihre Herkunftsländer zu verlassen? Oder wird ihnen klar, das es eben stets noch schwerer und noch (lebens-) gefährlicher für Flüchtlinge wird, zu versuchen, nach Europa zu gelangen? Ist ihnen klar, das viele der MigrantInnen sich über diese größer werdenden Risiken im klaren sind und sie die bewußte Entscheidung treffen, sie trotzdem auf sich zu nehmen? Warum gewinnt die Diskussion um die Autonomie der Migration gerade jetzt so viel Raum, wo die Bemühungen repressiver Regime allerorten dahin gehen, denjenigen, die Schutz bedürfen, diesen Schutz und ihre Rechte offensiver denn je abzusprechen und zu nehmen, und selbst Bürgerrechte beschnitten werden wie nie zuvor unter dem Vorwand, den Feind zu bekämpfen? Eine tiefere Auseinandersetzung mit diesen Fragen wird unserer Ansicht Anlass zur Besorgnis geben.

Als Ausgangspunkt möchten wir die Aufmerksamkeit auf unser Selbstdarstellungspapier lenken. Wir haben hier dargelegt, wie unsere Politik auf unseren Erfahrungen sowohl in unseren Herkunftsländern als auch hier in Deutschland beruht. (Das Papier liegt in übersetzter Form vor.) Hieraus leitet sich direkt das Verständnis unseres wichtigsten Mottos ab: “Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört”. Was vor dem Hintergrund der Ausrottungen, die mit der Zerstörung einhergehen, eine recht moderate Formulierung ist. Wir wissen sehr wohl, dass sich nicht jeder mit diesem Slogan wohl fühl, nichtsdestotrotz gibt es viele Menschen, die uns Sympathie und Solidarität entgegenbringen. Aber wir sind keine Organisation, die ihre Standpunkte versteckt, weil sie an Popularität einbüßen. Es ist für uns eine Frage des Prinzips, daran festzuhalten, das Elend in unseren Herkunftsländern und seine Fortsetzung hier zu einander in Verbindung zu setzen, wo wir als ein Haufen unerwünschter Flüchtlinge, verbannt in Wälder, in Ghetto- und Containersiedlungen, missbraucht, misshandelt, entwürdigt, ja schlimmer als Hunde behandelt werden, bevor man uns schließlich abschiebt, in weitere Folter und möglichen Tod in den Händen derer, vor denen wir flohen. Wir sind gezwungen, für uns selbst zu sprechen, denn wir werden uns nie darauf verlassen können, dass jemand anderes dies tun wird, wird doch von vielen UnterstützerInnen eine defensivere Semantik bevorzugt. Es ist ihre Entscheidung, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen, aber sie können nicht von uns erwarten, es ihnen gleichzutun.

Im Verlauf der Debatte haben wir gehört, wie die bewußte Entscheidung und die Anstrengungen von Flüchtlingen und MigrantInnen (als Subjekte), „die Festung Europa zu durchbrechen“ und sich niederzulassen, nicht anerkannt und respektiert wird. Dass Netzwerke bestehen, die so effizient darin sind, mit diesen Dingen umzugehen – daher auch die Beschreibung als „Globalisierung von unten“, weil sich die Massen im Grunde über Grenzen hinweg bewegen, wie sie möchten. Dass dies auf der einen Seite ein Weg für die Selbstermächtigung potentieller MigrantInnen ist, die ohnehin diese Grenzen überwinden müssen. Dass von denen, die es schaffen, sich niederzulassen, jährlich Millionen von Dollar nach Hause geschickt werden, und dass das im Grunde mittlerweile mehr Geld ist als die Aids-Regierungen in armen Ländern von den reicheren Ländern bekommen. Im selben Atemzug wird uns gesagt, dass diese einzelnen Erfolge nicht anerkannt werden von denen, die sich weigern, in die gegenwärtig vorherrschende Euphorie mit einzustimmen.

Erstens ist nicht zu leugnen, dass immer schon Menschen bewußt versuchen, das eigene Leben durch alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zu verändern. Das schloss immer auch Migration mit ein,genauso wie die Wahl gewaltvoller Mittel wie Kriegeund sogar das Töten von Freunden, Nachbarn undVerwandten. Jedoch, das Thema des Subjekt-Seins, das in der Lage ist, bewußte Entscheidungen zu treffen, stand für uns niemals in Frage, geschweige denn war das eine Frage, die diskutiert werden müsste, um daraufhin die Subjektivität derer anzuerkennen, die in welcher Form auch immer migrieren. Und zwar aus dem Grunde, weil das unserer Meinung nach eine allgemeine und offensichtliche Tatsache ist, die jeder ernsthafte Mensch weder übergehen noch in Frage stellen könnte. Diese Frage nun auf eine Weise zu betrachten, die suggeriert, als wäre sie vorher unbekannt oder noch nicht dagewesen, bedeutet, der Verletzung auch noch eine Beleidigung hinzuzufügen. Bislang sieht es in dieser Debatte so aus, als hätten manche der VerfechterInnen dieser These selbst niemals wirklich diese Leute als Subjekte gedacht und würden erst jetzt an diesen Punkt gelangen, was eine wichtige Verbesserung/Weiterentwicklung für sich ist. Aber das heißt natürlich nicht, und kann auch gar nicht heißen, dass die Diskussion das Thema auf eine neue Ebene gehievt hätte, weil es die Position eben schon lange gab, und eine neue „Sensibilität/Aufmerksamkeit“ einiger AnalytikerInnen/TheoretikerInnen hat auf dieseTatsache keinen Einfluss. Genauso wenig stellt diese neue Aufmerksamkeit die Position in Frage oder beeinflusst sie irgendwie, die Position derer nämlich, für die dieses Thema nie in Frage stand.

Wenn diese neuen VerfechterInnen ein paar Schritte weitergehen würden und genauer betrachten würden, wie die Entscheidung, das eigene Land auf diese Weise zu verlassen, getroffen wird und was alles hineingesteckt wird in Planung und an Versuchen, dann würde sich diese Frage – da bin ich sicher – für sie niemals stellen. Die Behauptung, dass organisierte und effiziente Flüchtlings-MigrantInnen-Netzwerke existieren, die nicht nur in der Lage sind, die Festung Europa nach Belieben und unabhängig von den durch Regierungen aufgestellten Barrieren zu durchbrechen, sondern zusätzlich auch diejenigen, die sie überwunden haben, hier ansiedeln können, ist ziemlich absurd. Diese „Effizienz im Netzwerk“ ist so dermaßen gehypt und übertrieben worden bis zu einer Ebene, dass man schon den Eindruck bekommt, dass man durch eine Verbindung zu diesen Netzwerken während der Reise durch diese Grenzen „auf Rosen gebettet“ wird mit der Sicherheit, dass am Ende der Empfang in Europa auf einem rotenTeppich steht. Dies zu erkennen und der Versuch, zukünftige MigrantInnen zu ermutigen, kann den BefürworterInnen dieser Theorie zufolge als„Globalisierung von unten“ beschrieben werden. Es ist mir komplett unverständlich, dass der Horror und die Erniedrigung, die Leute typischerweise erleben bei dem Versuch, die Grenzen der Festung Europa zu durchbrechen, von diesen VerfechterInnen so elegant und ruhmreich beschrieben werden kann. Die unzähligen Tausende, die auf dem Weg nach Europa jedes Jahr im Meer ertrinken, die in Containern mit verderblichen Lebensmitteln ersticken, die wochenlang unterwegs sind, die gestorben sind (und immer noch sterben) und niemals gezählt wurden, in nord-afrikanischen Wüsten und Wäldern, mit Sicht auf Spanien als Eingangstor, mit der unaussprechlichen menschlichen Erniedrigung und dem Leiden, diese Leute sind an diesen „effizienten Netzwerken“ mit Sicherheit nicht beteiligt.

Beachtet folgende Hinweise und lest bitte alleBerichte, die dort zu finden sind:

http://news.bbc.co.uk/go/em/fr/-/2/hi/africa/3355275.stm.
http://news.bbc.co.uk/go/em/fr/-/2/hi/africa/3604519.stm.

Es kann ernsthafterweise nicht einfach darauf gebaut werden, dass diese Netzwerke wirklich effizient sind – vorausgesetzt, das ist überhaupt eine angemessene Bezeichnung – wenn ich auch die Verwicklungen, die mit diesen Prozessen einhergehen, in eine fällige Bewertung miteinbeziehe. Weder das investierte Geld noch das Risiko für Leib und Leben bei irgendeinem dieser Versuche garantiert das Überleben, geschweige denn die erfolgreiche Ankunft am beabsichtigten Ziel. Familien, die auf Ewigkeit verschuldet sind, weil ein Versuch eines Familienmitglieds fehlgeschlagen ist, und dessen Leben vielleicht sogar verloren ist, können diese Netzwerke in der Ausdehnung und Form, wie sie von diesen Experten der Autonomie der Migration beschrieben werden, gewiss nicht erkennen. Unzählige tausende Menschen bleiben Subjekte (?) von Schikanen und physischer Gewalt, was in vielen Fällen zu Todesfällen führt, die die Mitarbeiter dieser sogenannte Netzwerke zu verantworten haben. Die Erfahrungen vieler, die diese blutigen Feuerproben überstanden haben, sind eine nie versiegende Quelle von mentaler und psychischer Folter, was kaum entsprechend behandelt werden kann in den Ländern, in denen sie sich unter Umständen wiederfinden, vor allem wenn sie dort um Asyl bitten, oder noch schlimmer: illegal leben müssen.

Allerdings soll das nicht die Tatsache leugnen, dass eine ganze Menge Menschen aus ärmeren Ländern nach Deutschland oder andere west-europäische Länder reist, um durch Jobs (so seltsam diese auch sein mögen) ihr Leben zu verbessern. Genausowenig soll geleugnet werden, dass einige Menschen einen Weg finden, um die Grenzen zu überschreiten, so schwierig das auch ist. Ebenso ist es wahr, dass viele vor Schwierigkeiten im dortigen System fliehen, um das ersehnte Leben zu führen, was in ihren eigenen Ländern aus Gründen, die sich ihrem Einfluss entziehen, nicht länger möglich ist, und was natürlich ihr gutes Recht ist. Aber nicht auch unter die Oberfläche zuschauen, um zu verstehen und zu erkennen, was das wirklich alles mit sich bringt, ist gleichbedeutend damit, „eine einzige Seite eines Buches zu lesen und daraus auf den gesamten Inhalt zu schließen“. Dahersollte in Betracht gezogen werden, dass es immer mehr gibt, als für das Auge sichtbar ist, und dass wederTheorie noch Umstände immer auf alle MigrantInnen zutreffen (auch nicht, wenn es nur um Geld geht). Die Umstände, unter denen viele PalästinenserInnen oder KurdInnen aus ihren Heimatgebieten fliehen, z. B. nach Deutschland, kann nicht gleichgesetzt werden mit denen von polnischen StudentInnen, die nach Deutschland kommen, um einen Ferienjob zu kriegen und danach entweder wieder nach Hause gehen, um zustudieren oder auch hier zu bleiben. Solche wichtigen praktischen Unterschiede, eingeschlossen die damit verbundenen jeweiligen Perspektiven, sind in dieser alles umfassenden Debatte untergebügelt worden und verloren gegangen, sie finden kaum mehr eigene Erwähnung.

Noch höher zu greifen, indem das Ganze als "Globalisierung von unten" beschrieben wird, läuft auf eine Verherrlichung und Glorifizierung des Elends, der Schrecken und unzähligen blutigen Leidensgeschichten hinaus, die die tägliche Erfahrung der Mehrheit der Migranten in diesem Prozess darstellen. Dies gilt selbst, wenn man von der Rolle und Bedeutung von "Globalisierung" (ein in diesem Fall angeeigneter Begriff) und ihrer entsprechend verheerenden Wirkung im ganzen absieht.

Wir erkennen durchaus an, dass es hier und dort eine Handvoll Erfolgsgeschichten mit Übertragungseffekt gibt (abhängig davon, was Erfolg bedeutet und wie er gemessen wird), dies kann jedoch in keinster Weise die Vereinfachung und Beschönigung rechtfertigen, die der Begriff "Globalisierung von unten" bedeutet. Es stellt mit Sicherheit einen schwerwiegenden Fehler dar und erweist unserem Kampf einen schlechten Dienst anzunehmen, dass die Inbesitznahme des Begriffs "Globalisierung" in dieser Art denselben Menschen, die die Globalisierung brutal und unwiderruflich vernichtet, irgendeine Macht verleihen kann.

Von Lateinamerika über Afrika bis nach Asien sind Millionen ungeborener Leben bereits der Globalisierung und ihrem ausführenden Apparat verpfändet. Für die meisten Menschen hat ihr Leben durch die Globalisierung immer mehr an Wert verloren. Auch nicht der bunteste Anstrich kann die negativen Wirkungen der Globalisierung verbergen oder aus dem Blickfeld rücken und ins Positive verkehren, indem versucht wird, daraus eine Strategie für die Erlangung von Macht abzuleiten, wie es in dieser Debatte (offen oder verdeckt) geschieht. Hier handelt es sich nicht um ein "abfälliges Wort" oder eine nicht ernst gemeinte Bezeichnung, die umgedreht und im Gegenangriff verwendet werden kann. Es ist die Beschreibung einer brutalen wirtschaftlichen Vorgehensweise. Es ist deshalb bizarr, lächerlich und haarsträubend, diesen Begriff zu verwenden. Wir können es uns nicht leisten, Verherrlichung zu betreiben und einen fröhlichen Ton anzuschlagen angesichts der unzähligen Tausende, die dabei sterben, indem wir ihren unwiederbringlichen Verlust und den Prozess, durch den dieser eintritt, in solch non-chalanter Großartigkeit beschreiben.

Ob jetzt oder in Zukunft, eine Ermächtigung und Ermutigung der Migranten, die diese Grenzen überschreiten müssen, wird nicht mit nur schönen, theoretischen und wohlklingenden Worten erreicht werden. Sondern durch Verstehen der Lage in den Herkunftsländern, wirklicher und praktischer Solidarität ohne Paternalismus und Unterstützung derjenigen, die trotz der Mühsal ihrer hiesigen Verhältnisse einen prinzipiellen Standpunkt einnehmen gegen die fortgesetzte Zerstörung ihrer Heimatländer und derer, die in bösartiger Weise daran beteiligt sind. Diese Menschen werden mehr ermutigt und sogar motiviert durch sichtbare praktische Ergebnisse, die selbst in Einzelfällen erreicht werden können .

Wir möchten kurz darauf hinweisen, dass wir weder Trost suchen noch uns schicksalsergeben in eine Opferrolle begeben. Wir sind vielleicht gehandicappt, aber nicht aus dem Spiel. Deshalb vertreten wir unsere Positionen offensiv und stellen uns dem Staat in den Weg, wenn er uns durch Abschiebungen sanktioniert, weil, neben weiteren Gründen, unser politisches Engagement als ein Affront gegen das staatliche Interesse und die staatliche Großzügigkeit, uns zu "beherbergen", gesehen wird.

Dass wir all unsere Kraft, die wir haben, jederzeit dafür aufwenden, eine einzelne Person vor der Abschiebung zu retten, zeugt von unserem Glauben, dass, so schwach wir scheinbar sind, wir stark genug sind zu kämpfen und manchmal gegen einen allmächtigen Staat den Sieg davon zu tragen. In den letzten beiden Jahren haben wir hier in Bremen eine Kampagne geführt, um die Abschiebung eines Togoers zu verhindern, der gezwungen war, sich ins Kirchenasyl zu begeben. Der Bremer Innensenator war fest entschlossen, ihn zu deportieren, und setzte bei seinen Bemühungen all seine Autorität aufs Spiel, wobei er ebenfalls auf üble Tricks zurückgriff. Durch die breite Unterstützung, die die Kampagne fand, war es uns möglich, ihm eine politische Ohrfeige zu verpassen und seine Anstrengungen zunichte zu machen.

Und dies stellt eine inhaltliche Überleitung her zu einem Punkt, der ebenfalls in dieser Debatte angeführt wurde: Dass wir die Erfolge, die von Einzelnen in diesem Prozess erreicht wurden, nicht anerkennen würden. Bis heute wird uns entgegengehalten, dass wir uns immer für einzelne, individuelle Asylfälle einsetzen, während Tausende anderer in derselben Situation sind. Wir haben aber immer die Notwendigkeit gesehen, jeden Flüchtling, der gefährdet ist, zu verteidigen, weil er/sie auf den Ruf, aufzustehen und für seine/ihre Rechte in Deutschland zu kämpfen, geantwortet hat. Es ist deshalb jetzt interessant zu sehen, wie der argumentative Spieß in der Debatte umgedreht wird.

Speziell im Hinblick auf Deutschland, wo gibt es diese Netzwerke und was tun sie mit Flüchtlingen, die über 10 Jahre in isolierten Unterkünften mitten im Wald verbringen müssen und endlose Jahre in Lagern ohne das Recht auf Arbeit? Was tun diese effizienten Netzwerke mit den Tausenden illegaler Migranten in Deutschland, die trotz Ausbeutung und Missbrauch nicht ihr Gesicht zeigen können, aus Furcht, abgeschoben zu werden?

Es gibt in dieser Debatte mit Sicherheit eine Überbewertung des Unterstützungssystems und seiner Wirksamkeit. So sehr dies auch zu wünschen ist, ist es in der Realität noch nicht vorhanden. Um ehrlich zu sein, geht es bei der Mehrzahl der verschiedenen Netzwerke, die mit Menschenschmuggel zu tun haben, um eine rein geschäftliche Perspektive, die nicht das geringste Interesse an den unabschätzbaren Konsequenzen ihres Business hat, einschließlich dem Verlust an Leben und schlimmster Entmenschlichung. Für diese Leute spielt die Überlegung keine Rolle, ob ihre "menschliche Ware" am Zielort ankommt, geschweige denn, dass es Strukturen gibt, sie in Empfang zu nehmen und vernünftig unterzubringen.

Für einige unter uns ist die Debatte über die Autonomie der Migration schlicht trendy und erinnert traurig an die frühen europäischen Schriftsteller, die aus dem Lehnstuhl heraus über Afrika geschrieben haben. Damals wurden viele ungeheuerliche Theorien aufgestellt (und als historisch und bahnbrechend begrüßt), unter anderem, wie Afrikaner auf Bäumen leben und so weiter. Für uns stellt es sich so dar, dass diese Fehler von vor über 100 Jahren jetzt wiederholt werden, da diese "Experten für die Autonomie der Migration" entweder den politischen Hintergrund von Migration bewusst außer Acht lassen oder ihn in ignoranter Weise als für den Verlauf der Debatte irrelevant oder unwichtig übersehen. Es wäre für viele dieser BefürworterInnen ratsam, sich persönlich vor Ort zu begeben und sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, was Menschen in diesen Prozessen wirklich durchmachen, bevor sie weiter solche Theorien und Hypothesen darlegen, die keinen Bezug zur zugrundeliegenden Wirklichkeit haben oder bestenfalls eine Verzerrung davon sind.

Wir haben immer gesagt, dass kein Mensch in unseren Heimatländern Jura oder Medizin studiert hat, in der Hoffnung, durch die Festung Europa zu brechen, um am Ende darum betteln zu müssen, in Deutschland oder anderswo in Europa Toiletten oder Geschirr zu reinigen. Es ist schwer vorstellbar, dass jemand eine Ausbildung als Krankenschwester oder LehrerIn macht – egal wo – und plötzlich entscheidet, nach Holland zu gehen und Prostituierte zu werden, nur um mehr Geld zu machen. Die Gründe, die diese Flucht nötig machen, müssen genau untersucht werden, jenseits von "Spaß und dem Wunsch", mehr Geld zu machen und das Leben zu genießen, wie dies in der momentanen Debatte dargestellt wird. All dies muss vor dem Hintergrund gesehen werden, was die meisten Menschen, die migrieren, dazu bringt, solche enormen Risiken – einschließlich Unwürde und Demütigung - als die gangbarste und attraktivste Möglichkeit zu sehen. Hinzu kommen noch Misshandlung und Erniedrigung, Diskriminierung und Rassismus, denen die Menschen in den sogenannten Ländern von "Milch und Honig" ausgesetzt sind.

Wenn der einfache Verdacht, einE politischeR GegnerIn (oder noch schlimmer einE wirklicheR und aktiveR GegnerIn) zu sein, dazu führen kann, Leben und Besitz zu verlieren, und das nicht nur in bezug auf eine Person, sondern in bezug auf eine ganze Familie, dann kann es nicht allen Menschen, die fliehen, nur darum gehen, mehr Geld zu machen. Wenn Männer, Frauen und Kindern in Armeen zwangsverpflichtet und gezwungen werden, ihre NachbarInnen, darunter Kinder, umzubringen, dann kann der Grund dafür zu fliehen, um die Situation zu überleben, nicht der sein, mehr Geld zu verdienen. Wenn Regierungen absichtlich Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausspielen und das zu Blutbädern für verborgene politische Motive führt, dann kann die Flucht davor nicht nur den Zweck haben, zu arbeiten und mehr Geld zu verdienen. Für die BefürworterInnen solcher Thesen ist es ratsam, sich mit den schrecklichen Geschichten derjenigen Männer und Frauen vertraut zu machen, die unbeschreibliche Gewalt erleiden mussten, während sie jahrelang von einem Land ins nächste reisten, bevor sie schließlich in Europa angekommen sind. Zweifellos wird dies weitaus aufschlussreicher sein als dies bislang in dieser Debatte angenommen wird. Ein tieferes Verständnis/eine tiefere Analyse in diese Richtung wird zweifellos als Grund die Zerstörung der Heimatländer aufdecken, die wiederum auch der Kern derjenigen politischen Seite ist, die in dieser Debatte bislang offensichtlich fehlt.

Und was an dem ganzen Diskurs sehr aufschlussreich ist, ist, wie ähnlich einige Positionen von einigen dieser BefürworterInnen denjenigen sind, die die Regierung bezüglich der Frage aufstellt, was einen politischen Grund für Flucht ausmacht. In manchen Fällen ist das fast nicht mehr auseinanderzuhalten. In dieser Hinsicht haben es die BefürworterInnen vernachlässigt oder absichtlich abgelehnt, Situationen einzubeziehen, wie sie im vorherigen Abschnitt als politische Gründe für Flucht aufgezählt sind. Das ist wirklich beunruhigend, denn mit den Klassifikationen verglichen, die von den Regierungen benutzt werden, lassen sich nur schwer Unterschiede zwischen diesen Positionen finden. Es bedeutet, dass im großen und ganzen diese antirassistischen Aktivisten und Experten (teilweise) mit Otto Schily darin übereinstimmen, dass alle, die hierher kommen, Wirtschaftsflüchtlinge sind. Das ist natürlich entmutigend, selbst wenn von diesen BefürworterInnen im Rahmen eines breiteren Bildes anerkannt wird, dass Migration aus ökonomischen Gründen gerechtfertigt ist, da die sogenannten entwickelten Länder überhaupt grundlegend für die Wirtschaftsmisere der ärmeren Länder verantwortlich sind.

Schließlich ist ein weiteres Gebiet, das in dieser Debatte in gewissem Maße zum größten Teil übersehen wird, der tatsächliche Prozentsatz derer, die fliehen und die es überhaupt bis Deutschland oder Europa schaffen. Hier wird von den Millionen, die innerhalb ihrer verschiedenen Länder und Regionen hin- und hergeschoben werden, kaum Notiz genommen. Mit allen Vorbehalten kann gesagt werden, dass der Prozentsatz derer, die vor welchem Missstand auch immer fliehen und die innerhalb des afrikanischen Kontinents herumirren und in Europa ankommen, weniger als 7 % beträgt. Wir müssen hier die Gründe für dieses Missverhältnis in der Verteilung nicht untersuchen. Aber die Mehrheit des Rests landet einfach in dem einen oder anderen Nachbarland, je nachdem, wo sie schließlich Frieden finden, so sie ihn denn überhaupt finden. Für die meisten hat diese Frage nichts mit Geld zu tun, es ist eine Angelegenheit von Leben, Tod oder Überleben. Es wäre in jedem Fall interessant zu wissen, wo die BefürworterInnen diese und ähnliche Kategorien in ihre ‚Geld-Machen‘ und ‚Leben-Genießen‘- Analyse einbinden, und wie autonom diese Migration eigentlich ist?

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