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Lagerverwaltung Gerstungen will Elend im Flüchtlingslager vor der Öffentlichkeit verbergen

"Die Leute hier sind fix und fertig" Karawane Festival - Delegation in Thüringer Flüchtlingslagern

Flüchtlingslager in Gangloffsömmern, Thüringen

Foto: Flüchtlingslager in Gangloffsömmern, Thüringen, 11.05.2010

Lagerverwaltung Gerstungen will Elend im Flüchtlingslager vor der Öffentlichkeit verbergen: Hausverbot für Karawane-Festival-Delegation

„Die Leute hier sind fix und fertig!“, so beschrieb uns ein Flüchtling aus Kambodscha die Situation im Lager Gerstungen, wo er die letzten vier Jahre seiner bereits 15jährigen Zeit als Asylsuchender in Deutschland leben musste.

Das Gespräch ergab sich am 11.05.2010 im Rahmen eines Besuchs von AktivistInnen aus den Kreisen des The VOICE Refugee Forum Jena in den Isolationslagern Gerstungen und Gangloffsömmern, Westthüringen. Hiermit ein Bericht:

In Gerstungen werden wir vom Anblick des ehemaligen Kasernengeländes erwartet; ein dunkelgrauer, dreistöckiger Block, etwas hinter Bäumen und am Rande der Bahngleise gelegen. Er ist umgeben von einem verrosteten Zaun mit einem kopfhohen Gittertor an der Einfahrt. Wenn man die Einfahrt durchschreitet, empfängt einen ein weißes Wächterhäuschen und gleich darauf ein Garagenhof, mit 3-4 Meter hohen Blechtoren, hinter denen früher Militärfahrzeuge geparkt wurden. Im Erdgeschoss des „Heims“ ist ein Fenster eingeschlagen. Die Scherben stehen in einem Eimer direkt darunter.

Im Erdgeschoss treffen wir zwei Flüchtlinge aus Sierra Leone. Sie ziehen sich gerade an, um wie die meisten der anderen an diesem Tag zur Kleiderausgabe zu gehen. Dabei hilft der eine seinem Freund, da dieser nicht mehr sehen kann. Er musste aufgrund von einer Auseinandersetzung mit der Polizei für eine Zeit lang ins Gefängnis. Während der Haft ist er an Diabetes erkrankt und hat zudem Probleme mit den Augen bekommen. Nachdem er in Bayern operiert worden war, hat er vollständig das Augenlicht verloren. Nun muss er trotzdem wie die vielen anderen in Gerstungen leben und ist im Alltag einzig und allein auf die Solidarität seiner dortigen Freunde angewiesen. Wenn er auf die Toilette gehen will, muss er ein Stockwerk tiefer in den Keller. Dort ist er aufgrund fehlender Sehkraft gezwungen, sie in jedem hygienischen Mangelzustand zu benutzen.
Dass dieser Mangelzustand dauerhaft ist, hatten wir kurz zuvor schon beobachten können: In der Herrentoilette war um mehrere Rohre herum schon Schimmel angesetzt und ebenso waren die drei Türen vom Boden bis auf Knöchelhöhe von modrigem Schimmel überzogen.

Während wir uns also gerade im Gespräch befanden, kam eine Bedienstete des „Heims“ ins Zimmer:
„Wer sind Sie denn bitte?! Was machen Sie hier?“
„Wir unterhalten uns mit unseren Freunden.“
„Haben Sie eine vom Landratsamt genehmigte Anmeldung?“

Eine kurze, zwecklose Diskussion später hatten wir auch schon ein mündliches Hausverbot ausgesprochen bekommen. Mit Unterstützung der zweiten Angestellten wurden wir unter Drohungen herausgedrängt.

„Wenn Sie einen Termin haben, können Sie gerne wiederkommen.“
„Wenn wir einen Termin haben, beantworten Sie uns dann auch, warum die Toilette im ersten Stock von Schimmel überzogen ist?“
„Schimmel?! Hier? Im Leben nicht!“
„Achso? Und beantworten Sie uns dann auch, warum ein Erblindeter unter diesen Umständen hier ohne Hilfe leben muss?“
„Holen Sie sich einen Termin beim Landratsamt! Und wenn sie jetzt nicht sofort gehen, hole ich die Polizei!“

Vor dem Tor des Lagers blieben wir noch einige Zeit und unterhielten uns mit verschiedenen Bewohnern. Ein Flüchtling aus Kambodscha berichtete uns im Plauderton von den verschiedenen Schikanen, denen er hier ausgesetzt ist. Seit 1994 gezwungen, in Lagern zu leben, hat er die letzten Jahre in Gerstungen verbracht. Er hatte zeitweise eine feste Arbeit und genug Einkommen, um sich selber eine Wohnung zu nehmen und zu versorgen. Die Behörden haben es ihm nicht gestattet. Mittlerweile ist er wieder arbeitslos. Einmal hat er ein Fernsehteam mit ins Lager genommen, um die Umstände öffentlich zu machen. Seit er daraufhin kurzzeitig ins Gefängnis gesteckt wurde, traut er sich Dementsprechendes nicht mehr.
Im Winter laufen die Heizungen im Lager nur zwei oder drei Stunden die Nacht. Als die Heimleitung die Klagen der frierenden Bewohner konsequent irgnorierte, haben diese einmal nachts die Polizei gerufen. Geändert hat das nichts.
Unser Gesprächspartner lebt seit 15 Jahren von Gutscheinen und einem monatlichen Bar-Taschengeld von 40€. Mit den knappen Summen der Gutscheine können die Flüchtlinge nur beim vergleichsweise teuren Tegut einkaufen – alles außer Fleischprodukten. Die sind mit Gutscheinen nicht erhältlich.
Die Ausländerbehörde ist von Gerstungen 40 km weit weg. Fahrtgeld wird nicht zurückerstattet. Die Flüchtlinge berichten, dass sie auf der Behörde nicht einmal begrüßt werden, sondern ihnen nur wortlos der provisorische Ausweis aus der Hand genommen wird und das Prozedere seinen Lauf nimmt. Übersetzung gibt es ohnehin nicht. Urlaubsscheine werden nur in Fällen wie Hochzeiten oder Todesfällen in der Familie ausgestellt. Für andere Gelegenheiten nicht.
Im Angesicht seiner 15jährigen Erfahrung mit dem umfassenden System aus Isolation und Schikane ist der resignierende, manchmal zynische Tonfall unseres Freundes aus Kambodscha nachvollziehbar. Als er einen Zigarettenstummel wegwirft, sagt er einmal etwas impulsiver: „Wir haben hier keine Möglichkeit in unserem Leben irgendwas zu bewegen!“. Bei der nächsten Zigarette erzählt er dann noch, dass in den letzten Jahren hier zwei Menschen ihr Leben gelassen haben. Die Witwe des einen lebt mit dem gemeinsamen Kind weiterhin im Lager.

Mittlerweile haben mehrere junge Männer aus Syrien ein Tablett mit Gläsern, schwarzem Tee und Zucker herausgebracht. Das trübe Wetter ist nicht besonders erheiternd, aber im Vergleich zu den unbeleuchteten Heimfluren scheint ein Pläuschchen auf dem Parkplatz einladender. Ein aus Syrien stammender Familienvater kurdischer Herkunft, der mit seiner ganzen Familie im Gerstunger Lager lebt, erhält weder Bargeld noch Kleidung, sondern nur die Einkaufsgutscheine. Aufgrund einer ärztlichen Bescheinigung hätte er das Recht, in einem Haus zu wohnen. Das wird ihm jedoch von der Behörde verweigert. Wie alle anderen Flüchtlinge, die sich dem Unrecht, das ihnen geschieht, durchaus bewusst sind, sagt auch er:

„Wenn ich mich dagegen wehren will, brauche ich einen Anwalt. Hier gibt es aber keinen Anwalt und wenn ich woanders hinfahren will, verletzte ich die Residenzpflicht. Außerdem braucht man für einen Anwalt Geld und das haben wir nicht.“

Wie rigide die schikanöse Residenzpflicht in Gerstungen greift, veranschaulicht er uns an einem Beispiel. Er zeigt geradeaus über die Bahnschienen:

„Seht ihr da drüben? Das ist Hessen. Das ist nicht mehr unser Landkreis. Als ich einmal da drüben langgelaufen bin, wurde ich von der Polizei kontrolliert. 45 € Strafe musste ich zahlen! Von welchem Geld?! Dabei bin ich bloß 700m von dem Heim entfernt gewesen!“

Sein Sohn hat nach seinem Schulabschluss eine Berufsschule in Eisenach begonnen. Das Geld für die täglichen Zugfahrten bekommt er von der Behörde zurückerstattet – im Nachhinein. Da aber seine Familie nicht genügend Bargeld bekommt und die Rückerstattungen oft sechs oder mehr Wochen dauerten, konnte er das Geld für die Fahrten nicht mehr auslegen und musste die Berufsschule abbrechen.
Auf die Frage, wie viel Kontakt er mit der Bevölkerung aus Gerstungen habe, antwortet er knapp:

„Kontakt in Gerstungen? Wir brauchen nicht noch mehr Probleme.“

Diese Haltung wird von dem Freund aus Kambodscha unterstützt:

„Es gibt halt immer mal wieder diese Sprüche von wegen 'scheiß Ausländer'. Aber ich kümmer mich nicht darum, ich guck runter und mache, dass ich weiter komme.“

Nach diesen Eindrücken aus Gerstungen machten wir uns auf in Richtung Sömmerda, um im abgelegenen Dorf Gangloffsömmern einige Menschen in dem dortigen Isolationslager zu besuchen.
Am Ortsausgang von Sömmerda steht ein Schild mit „Auf Wiedersehen“ in 15 verschiedenen Sprachen. Wohin führt uns die Fahrt?

Die Suche nach dem Lager in Gangloffsömmern ist charakteristisch: Obwohl das Dorf, recht idyllisch und ruhig, klein und übersichtlich ist, haben wir ein bisschen suchen müssen, um das Lager zu finden. Es liegt zwischen Höfen der Hauptstraße und einer Nebenstraße. Wenn man es nicht suchen würde, würde man es gar nicht wahrnehmen, noch nicht einmal, wenn man vor ihm steht: Zwei alte heruntergekommene Bauten, nicht minder im Kasernenstil und mit Blick auf deren teils holzverschlagene Fenster, kaputte Dachrinnen und zerplatzten Putz sind sie nicht als bewohnt erkennbar. Auf dem Briefkasten ist ein abgerissenes Schild „ftsunterkunft“. Wessen Unterkunft ist anscheinend irrelevant. Allerdings stellt sich die Frage, ob das Objekt überhaupt das Attribut „Unterkunft“ verdient.

Weder im jenseits des massiven Eisentors gelegenen Hof, noch im verwucherten Hinterhof treffen wir Menschen an. Auf dem ersten Gang durch die Flure zeugen bloß einige verhaltene Geräusche aus den Zimmern von Bewohnern. Die Flure sind sehr eng, die Decken niedrig und die Beleuchtung spärlich. Die Wände sind in einem gelb-weißen Farbton gehalten, der flächendeckend von braunen Flecken, Spritzern und Fließ-Spuren überzogen ist. Leitungen sind offensichtlich undicht und anderer klebriger Verdreckungen wurde sich nie angenommen. Eine Zimmertür hat mehrere Einschlagspuren. Der Waschraum mit mehreren Waschbecken und einer Dusche hat keine Tür, die Dusche keinen Vorhang. Sie ist damit zum Flur hin offen. Von vier Toilettenkabinen im Herrenklo sind zwei verschlossen. Die anderen beiden haben keine Klobrille, sind in schlechtem Zustand und von innen nicht verschließbar. Alle Klotüren haben Einschlaglöcher.

Nachdem wir zwei Stockwerke durchlaufen haben, sind die ersten Menschen, auf die wir treffen, die „Heim“-Vorsteher. Sie fragen nach einer Anmeldung mit Personalausweis und dem Namen der Person, die wir besuchen. Dem kommen wir nicht nach. Als ein Teil unserer Gruppe gerade bei einem Flüchtling aus Dagestan zum Tee ins Zimmer gebeten wird, kommt die Ankündigung, dass wir Hausfriedensbruch begehen würden und die Polizei bereits alarmiert wäre. Äußerst erregt sind die Bediensteten vor allem darüber, „dass hier irgendwer unerlaubt Fotos gemacht hat!“, den sie unter uns aber nicht ausmachen können.
Bevor sie uns erbost bis zur Tür folgen, prüfen sie noch schnell, bei welchem Bewohner wir im Zimmer gewesen waren.

Weil aus unserer Gruppe zwei Menschen von Residenzpflicht-Restriktionen betroffen sind, zogen wir es vor, nicht auf Konfrontation zu setzen und das Lager zu verlassen. Vor dem Tor erzählte uns der Freund aus dem Kaukasus noch, dass er seit über zehn Jahren in der Duldung ist und trotzdem noch keinen dauerhaften Aufenthaltstitel bekommen hat. „Wie im Tierheim“ kommentiert er sein Leben im Lager mit einem bitteren Lachen.
Im Dorf gibt es keinen Laden, die nächste Einkaufsmöglichkeit ist 5 km weg und nur per Zug oder Bus erreichbar – und damit kostenpflichtig. Er traut der Heimleitung kein bisschen und bezeichnet deren Zusammenarbeit mit den Behörden als „mafiöse Strukturen“.
Er und ein irakischer Flüchtling sind die einzigen Menschen, die wir überhaupt antreffen im Lager. Alle anderen bleiben hinter ihren Zimmertüren.

Auf der Rückfahrt begrüßt uns wiederum Erfurt auf 15 Sprachen: „Willkommen.“

Weitere Fotos: http://thevoiceforum.org/image/tid/28

end

Delegationsbesuch der Isolationsheime in Gerstungen und Gangloffsömmern,Thüringen http://thecaravan.org/node/2135

Delegationsreise nach Thüringen am 11./12. Juli 2009 Bericht der KARAWANE Delegation aus Hamburg
http://thecaravan.org/node/2134

Austausch und Organisierung Lager - Exchange and Organisation in Lagers http://thecaravan.org/node/2264

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