Fragwürdiger Prozeß am Amtsgericht Potsdam gegen Gaston Ebua am 16.01.2007 endet mit Freispruch.
Gaston Ebua vom The VOICE Refugee and Africa Forum wurde angeklagt Beamte der deutschen Polizei auf der Zugfahrt von Berlin-Alexanderplatz nach Potsdam/Brandenburg bedroht, deren Dienstausübung behindert sowie sich einer Festnahme widersetzt zu haben.
Siehe Aufruf zur Prozessbeobachtung
Gastons Rede vor Gericht:
Berlin Potsdam 17. April 2006
Am 17.April 2006 erhielt ich Nachricht von dem brutal rassistischen und potentiell tödlichen Überfall auf Herrn Ermyas M. (den deutsch-äthiopischen Wasserbauingenieur) in Potsdam und war im selben Moment sicher, dass sich alle schwarzen Menschen ineutschland einschließlich nicht wenniger weißer fürchterlich erschreckt haben müssen.
Der Gedanke an diesen Vorfall, der wie auch so viele andere zeigt, dass jede beliebige Person Gefahr läuft getötet zu werden, nur weil sie eine schwarze Hautfarbe hat und es da diese menschenverachtende Rassendoktrin von der Überlegenheit der Weißen über die Farbigen gibt. Wie oft haben wir dieses nun schon selbst miterleben oder davon erfahren müssen und viele hier in Deutschland wissen, dass es vor allen uns Schwarzen und Menschen passiert, die sich selbst mit uns solidarisieren können.
Ich bin davon überzeugt, dass auch nur jemand, der selbst schon einmal Opfer eines solchen Vorfalles geworden ist wahrhaftig nachvollziehen kann, was das für einen Menschen persönlich bedeutet, weil es mir schon passiert ist.
Zum Beispiel wurde ich schon oft in Zügen und auf der Straße angegriffen. Ich mußte aus Zügen und von Straßen fliehen, weil freundlich aussehende Personen, die mir begegneten, plötzlich anfingen mich zu schlagen und aufs übelste zu beschimpfen. Ich mußte um mein Leben rennen bei diesen befremdlichen Angriffen, weil ich mit Schlagstöcken, Messern und Gegenständen, die wie Pistolen aussahen, attackiert wurde. Während ich an Bahnhöfen rumstand wurde ich mit heißem Kaffee begossen. Einer meiner Freunde, den ich aus unserem Forum kenne, wurde von polizeilich bekannten Rechtsextremisten vor einen einfahrenden Zuge gestossen .
Die Verängstigung, die einen erfasst, wenn man sich vorstellt, dass man einfach so vor einen einfahrenden Zug gestoßen werden könnte ist ein Gefühl, dem wir uns täglich stellen müssen. Die Möglichkeit, dass einem am hellerlichten Tag der Schädel zerschlagen wird und Passanten kommentarlos wegschauen gehört zu en Abscheulichkeiten, mit denen wir gegebenenfalls rechnen müssen und so weiter und so fort ..... Wenn Sie selbst sich in einer vergleichbaren Situation befinden würden, bin ich mir sicher auch Sie würden dieses Gefühl der generalisierten Verfolgung nur Ihrer Hautfarbe wegen nachempfinden können.
Nur jemand, der dies wirklich versteht kann eine Vorstellung davon entwickeln, welche Art Sorge sich an diesem Tag in unseren Herzen ausbreitete. Es war ein Tag der Trauer und des Mitgefühls für Herrn Ermyas, für seine Familie und die vielen anderen Opfer, die zusammengenommen eine schier endlose Liste von Namen ergeben würde.
Aufgrund der beschriebenen allgemeinen Verunsicherung bekam ich von überall her Anrufe von besorgten Leuten, welche sich vergewissern wollten, ob ich noch unversehrt sei, nachdem sie von Neo-Nazi-Randalen in Berlin und Brandenburg gehört hatten und mittlerweile wussten, dass ein Mann in Deutschland zusammengeschlagen war und schwere Schädel- und Rippenbrüche erlitten hatte. Es stellte sich auch die Frage: wer wird der nächste sein? Als mir ein Freund von einer eilig anberaumten Pressekonferenz zu diesem Thema berichtete erhöhte diese offizielle Alarmbereitschaft mein Gefühl von allgemeiner Unsicherheit eher, als es zu besänftigen. Höchste Regierungskreise sahen sich genötigt betonen zu müssen, dass dieses Land derartige Extremisten, welche Menschen wegen Ihrer Hautfarbe, Religion oder politischen Einstellung jagen, zusammenschlagen und sogar töten nicht länger tolerieren wird. Die bestehende Unsicherheit war existentiell genug um sogar eine schwangere Frau dazu zu bewegen, sich aus Ihrem Bett zu erheben und für Ihr eigenes Sicherheitsbedürfnis öffentlich zu protestieren.
Ich dachte an meine derzeitige Situation über keinerlei gültige Ausweispapiere zu verfügen, weil sich die Berliner Behörden weigern meine Reisedokumente im AusländerZentralRegister (AZR) des Bundes registrieren zu lassen, nachdem sie diese letztmalig im August 2004 verlängert haben. Ich konnte eigentlich nirgendwo mehr hingehen ohne die mit einem solchen Zustand verbundenen Probleme in Kauf nehmen zu müssen.
Ich versuchte also gelassen zu bleiben als man mich bat in Potsdam eine solidarische Rede für das Opfer der Geschehnisse und seine Familie zu halten, um die erhitzten Gemüter wenigstens etwas zu beruhigen und dazu beizutragen, dass die spontane Demonstration - in der wir unserer Notlage, in der wir uns hier unserer Hautfarbe wegen befinden, Ausdruck verleihen wollten - ruhig und geschlossen verlaufen würde. Dies alles konnten Sie in den Zeitungen lesen und selbst im Fernsehen verfolgen,
Als ich am S-Bahnhof Alexanderplatz eintraf war dort jede Menge Polizei. Wir gingen die Treppen zum Bahnsteig hinauf und bestiegen den eingefahrenen Zug Richtung Potsdam. Einige von uns ließen eine Lücke zwischen unserer Gruppe (welche sich nun bereits im Zug befand) und einer anderen Gruppe, welche erst noch die Treppe zum Bahnsteig heraufkam. 3 Polizeibeamte folgten uns in den Zug und stellten sich hinter mir auf. Mindestens 2 weitere Polizeibeamte befanden sich noch draußen auf dem Bahnsteig mit Blickrichtung auf die zweite Gruppe, welche gerade zu uns in den Zug steigen wollte. Diese versperrten mindestens 2 Teilnehmern dieser Gruppe den Weg zu uns in den wartenden Zug. Diese 2 Teilnehmer fragten nach dem Grund dieser Maßnahme und verwiesen darauf, dass sie einer schwangeren Frau noch beim Treppensteigen behilflich gewesen seien. Die Polizisten gaben den Weg für die beiden trotzdem nicht frei. Der eine Teilnehmer entschied sich dann dafür, sich noch an andere Freunde als Begleitung für die schwangere Frau zu wenden, welche sich weiter hinten auf dem Bahnsteig befanden. Der Andere wollte zu uns in den mit offenen Türen wartenden Zug einsteigen doch die beiden Polizeibeamten hielten ihn weiterhin zurück. Ich hörte ihn draußen lautstark mit der Polizei diskutieren. Ich wendete mich in der Bahn den Geschehnissen außerhalb zu, um zu verstehen, was da draußen vor sich ging. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum sie den Mann nicht in den Zug einsteigen lassen wollten! Er ist mein Freund ein sogenannter Schwarzafrikaner. Genau wie im Fall der afrikanischen schwangeren Frau auch, wurde mir klar, dass die Polizei einfach nur nicht wollte, dass diese Schwarzen Menschen in den Zug einstiegen und deshalb die Hilfe verweigerten.
Ich bewegte mich ein Stück Richtung Tür, um meinen Freund besser verstehen zu können, als ich plötzlich von hinten gestoßen und geschoben wurde. Im Reflex hielt ich mich an einer Haltestangen fest, um nicht vornüber auf den Bahnsteig zu fallen. Da der oder die Polizeibeamten hinter mir weiter versuchten mich aus dem Zug zu drängen, hing ich nunmehr eine kurze Zeit halb im Zug halb außerhalb gegen die seitlich geöffnete Tür. Gerade als ich dachte, dass ich gleich vollends aus dem Zug fallen würde, wurde ich plötzlich wieder hineingezogen zunächst glaubte ich noch, es wären meine Freunde gewesen, die mir helfen wollten. Ich reichte meinem Freund draußen zwischen den beiden Polizeibeamten meine Hand und der hielt sich seinerseits daran fest. So stolperten wir beide übereinander in den Zug hinein.
Als wir nun realisierten was hier gerade passiert war versammelten wir uns alle umeinander und versuchten die Situation wieder etwas zu beruhigen. Dabei sprachen wir gebrochenen Pigeon-Dialekt, der auch französische, englische und deutsche Worte beinhaltete. Als wir uns gerade alle in einem Teil des Wagons versammelt hatten, setzte sich der Zug in Bewegung und ließ unsere anderen Freunde draußen auf dem Bahnsteig zurück.
Die Polizeibeamten im Wagon schienen wie elektrisiert zu sein. Ich glaube sie versuchten mit allen Mitteln Herr der Situation zu bleiben. Sie kamen zu uns und forderten von uns, dass wir uns auf deutsch unterhalten sollten statt in unserer, wie von mir beschriebenen Sprache. Als ich mich gerade mit meinem Freund, welcher zuletzt mit mir gemeinsam in den Zug stolperte unterhielt, bemerkte ich den eher großgewachsenen Polizisten, der mich mit festem Blick musterte. Ich begab mich mehr in die Mitte des Wagons und setzte mich er starrte mich weiterhin an und wendete kein Auge von mir ab. Am Bahnhof Wannsee ging einer der Polizeibeamten auf einen Freund von mir zu, welcher an einer Tür stand und sagte barsch Finger weg! gerade so als ob er sich ganz persönlich für die Türen des Zuges verantwortlich fühle. Die Polizisten schienen sich irgendwie von uns bedroht zu fühlen, was uns erstaunte, da sie sich sonst während Demonstrationen ja auch keine Sorgen dieser Art um uns machen.
Als wir Potsdam erreichten war die Diskussion und das Unverständnis über den Polizeibeamten, der uns aufgefordert hatte uns nicht in unserer Sprache zu unterhalten noch in vollem Gange. Bei der Ankunft in Potsdam drängte die Polizei dann eine Gruppe von uns zur Seite und einer der Beamten zeigte in meine Richtung. In diesem Moment bildeten die Menschen auf dem Bahnsteig einen Kreis um mich herum und hinderten die Polizei so daran auf mich zuzukommen. Als geschlossene Gruppe verließen wir nun den Bahnsteig in Richtung der Demonstrationsversammlung vor dem Potsdamer Bahnhof. Hier nun versuchte ich die Einzelheiten meiner geplanten Rede zu koordinieren. Als ich mich dann zu den Polizeibeamten gehen wollte, welche mit der Koordinierung der Demonstration beauftragt waren um letzte Absprachen zu treffen, kamen plötzlich die 3 Beamten aus dem Zug über mich hergefallen und stießen dabei die Umstehenden gewaltsam zur Seite ich hatte gerade meine Hände in den Taschen. Dies alles geschah sehr schnell. Ich hatte meine Hände immer noch in den Taschen, da es an diesem Tag sehr kalt war. Sie drückten mich von hinten so gegen ein Stromverteilerhäuschen, dass ich durch den Druck von hinten unterhalb meiner Nierengegend regelrecht eingeklemmt war. Sie zwangen mich meine Hände hoch zu halten, um mich so abzuführen. Dieses Vorgehen schien die umstehenden Polizeibeamten eher zu belustigen sie konnten aber auch nichts dazu sagen, da sie vielmehr damit beschäftigt waren den Ort des Geschehens vor den Blicken der Umstehenden abzuriegeln. Weil ich Fälle kenne, in denen Menschen von der Polizei erschossen wurden unter dem Vorwand, sie hätten nach der Polizeipistole gegriffen – auch Freunde von mir wurden so ermordet -, war ich gezwungen meine Hände oben zu halten, so dass sie sie sehen konnten.
Später wurde ich dann in einen Polizeibus geschoben, wo mich einer der Polizeibeamten, die ich schon vom Bahnhof Alexanderplatz her kannte, nach meinen Papieren fragte. Ich konnte nicht gleich reden weil ich Schmerzen in der Leistengegend hatte. Als man mich in den Bus hineinstieß, schlug ich mit meiner Leistengegend gegen die metallene Einstiegsstufe, bevor ich mich dann unvermittelt im Businneren wiederfand. Er hatte bereits Aktentasche in den Händen, in der er schon meine Reisepapiere und andere Unterlagen gefunden hatte. Er gab meinen Namen in den Polizeifunk und kam dann zurück zu mir hielt sein Gesicht unmittelbar vor meines, so dass ich die Augen schliessen und den Atem anhalten musste und sagte auf englisch: So you are illegal!.
Ich sagte daraufhin kein Wort mehr. Später hörte ich ihn dann noch etwas auf deutsch sagen, was für mich so klang wie Anschluss-Gewahrsam. Wir überprüfen alles!.
Später wurde ich in einen anderen Bus gebracht, in dem Fotos von anderen Leuten gemacht wurden von mir wurde kein Bild genommen. Danach kam ich in einen Gefängnisbau. Mir kam es wie ein Hochsicherheitsgefängnis vor. Ich erinnerte mich an alte Tage früherer Gefängnisaufenthalte, weil man mich als politischen Oppositionellen eingestuft hatte. Also legte ich mich nieder in Erwartung weiterer Unannehmlichkeiten.
Später nach schätzungsweise 5 Stunden hatte ich ein Verhör mit 2 Beamtinnen von der Kriminalpolizei. Eine stellte sich als Dolmetscherin vor. Am Beginn dieses Verhöres wurde mir ein Anruf meiner Rechtsanwältin übergeben, da diese darauf bestanden hatte. Ich wurde zu meinem Status befragt und mir wurden die einzelnen polizeilichen Vorhaltungen gegen mich vorgelesen, welche ich mir schriftlich notieren musste, um sie auch richtig verstehen zu können. Bezüglich meines Status gab ich an ein Mensch zu sein. Dies führte umgehend zu Missverständnissen, so dass ich im weiteren lieber schwieg und beschloss mich nicht zu rechtfertigen, trotzdem die Polizeibeamtin noch weiterhin Fragen stellte.
Sie entschied mich aus der Haft zu entlassen und verließ den Raum. Als ich später meine persönlichen Sachen zurückerhielt musste ich feststellen, dass ein Schlüssel von meinem Schlüsselbund nicht mehr vorhanden war. Die beiden Beamten, die für die Rückgabe meiner Sachen verantwortlich waren riefen erneut eine Übersetzerin (Polizeibeamtin in Uniform) zu Hilfe. Diese berichtete mir, dass vor der Polizeiwache einige Menschen warteten auf mich wie sie vermutete. Sie erstellte ein Verlustprotokoll und sicherte eine Untersuchung zu, um meinen Schlüssel wieder aufzufinden. Sie erklärte mir, dass ich auch berechtigt sei eine Zivilrechtsklage diesbezüglich einzureichen.
Am Ende dieses Tages konnte ich leider nicht das tun, weswegen ich ursprünglich nach Potsdam gefahren bin im Gegensatz dazu hat die Polizei allerdings das, was sie mit meiner Festnahme erreichen wollte auch geschafft: ich konnte keine Rede bei der Demonstration halten und nicht an ihr teilnehmen.
Ich verstand , dass die Handlungen dieser Polizisten dazu dienten, möglichst viele Schwarze Menschen davon abzuhalten diese Kundgebung zu besuchen, wohlwissend, dass diese Schwarzen Menschen nur ihre Menschenwürde und den Respekt dafür einforderten, vor dem Hintergrund der rechtsextremistischen Vorfälle.
Wenn das Gericht nun meine Perspektive versteht kann, kann ich nicht verstehen, warum ich immer noch weiteren Anschuldigungen ausgesetzt werde.
Hochachtungsvoll
Gaston Ebua