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De­mons­tra­ti­on in Ge­den­ken an Milos Red­ze­po­vic

Saturday, November 19, 2011 - 11:00 to 15:25

Am 19. No­vem­ber 2011, um 12 Uhr,
De­mons­tra­ti­on in Ge­den­ken an Milos Red­ze­po­vic
am Bahn­hof Syke (Landkreis Diepholz, bei Bremen)

http://gedenkenanmilos.blogsport.de/
De­mons­tra­ti­on in Ge­den­ken an Milos Red­ze­po­vic

Miroslavs Familie gehört der Roma-Minderheit in Serbien an. Seit 1995 lebte die 7-köpfige Familie in Syke. Damals wurde ihnen Wohnraum in der Asylbewerberunterkunft „Deutsche Eiche“, einem ehemaligen Gasthaus, zugewiesen. Die Abschiebung war nur eine Frage der Zeit. Der Vater Milos Redzepovic protestierte gegen die unzumutbaren Zustände in der Unterkunft, er bat immer wieder um eine Arbeitserlaubnis; forderte ein Leben in Würde und eine faire Chance für seine Familie. Am 15. November 2002 ging Milos Redzepovic ins Rathaus von Syke, übergoss sich mit Benzin und zündete seinen Körper an. Am Tag darauf starb er an den Verbrennungen.

Knapp zwei Jahre später wurden die Witwe und die 5 minderjährigen Kinder nach Belgrad abgeschoben.

Eine Ge­schich­te von vie­len
Statement der Gruppe gedenkenanmilos.​blogsport.​de

Was ist es, das einen Men­schen so ver­zwei­feln lässt, dass er sich schließ­lich um­bringt? Wie kommt es, dass dies – ge­wiss kein Ein­zel­fall – immer wie­der vor­kom­men kann, ohne den öf­fent­li­chen Auf­schrei nach sich zu zie­hen, den es ei­gent­lich ver­dient hätte?

Es ist kein Ge­heim­nis, dass in Deutsch­land ab­ge­scho­ben wird, doch ge­nießt das Thema vie­ler­orts in der Ge­sell­schaft kaum die ihm ge­büh­ren­de Auf­merk­sam­keit. Viel­mehr scheint es als ganz na­tür­lich hin­ge­nom­men zu wer­den, viel­leicht sogar als not­wen­dig, viel­leicht sogar als ge­recht­fer­tigt…?

Fest steht: die ge­gen­wär­ti­ge Ein­stel­lung von Po­li­tik, Ge­sell­schaft, Me­di­en – von Stamm­tisch­pa­ro­len über pseu­do-​wis­sen­schaft­lich ver­fass­te Schrif­ten á la Sar­ra­zin, die mei­nen, ge­ne­ti­sche Nach­wei­se über den In­tel­li­genz­grad ver­schie­de­ner Kul­tur­krei­se zu haben, bis hin zum Ge­setz – zur Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der Ab­schie­bun­gen durch­ge­führt wer­den, ist fatal.

Die nun fol­gen­de Ge­schich­te ist nur eines der vie­len er­schre­cken­den Bei­spie­le für die be­drü­cken­de Rea­li­tät der Ab­schie­be­po­li­tik. Sie er­eig­net sich am 15. No­vem­ber 2002 im Rat­haus der Stadt Syke.

Es ist mor­gens, acht Uhr früh. Der 34-​jäh­ri­ge Milos Red­ze­po­vic ver­lässt die Flücht­lings­un­ter­kunft, das ehe­ma­li­ge Gast­haus „Deut­sche Eiche“. Er will Zi­ga­ret­ten holen. Doch wird er die Tank­stel­le, an der er dies vor­gibt, er­le­di­gen zu wol­len, nie auf­su­chen. Sein Weg führt ihn ins Syker Rat­haus. Das ist nicht das erste Mal: seit lan­gem schon ver­sucht er, eine Ar­beits­er­laub­nis zu er­hal­ten, um fi­nan­zi­ell un­ab­hän­gig zu sein und mit sei­ner Frau Ljail­je und sei­nen fünf Kin­dern in Würde leben zu kön­nen. Zudem ist die Flücht­lings­un­ter­kunft mit „not­dürf­tig“ wohl immer noch be­schö­ni­gend um­schrie­ben.

Doch dies­mal schweigt Milos, sein dies­ma­li­ges An­lie­gen braucht keine Worte: Er über­gießt sich vor dem Ein­gang mit Ben­zin und zün­det sich im Rat­haus an. Am 16. No­vem­ber ver­stirbt er in der Uni­kli­nik in Han­no­ver.

Die Wur­zeln die­ses tra­gi­schen Ent­schlus­ses rei­chen je­doch noch sehr viel wei­ter zu­rück. Die Ge­schich­te der Fa­mi­lie be­ginnt in Ser­bi­en. Viele Men­schen flie­hen an­ge­sichts der sich seit An­fang der 80er Jahre immer wei­ter zu­spit­zen­den Un­ru­hen und der ge­ra­de für Roma zu­neh­mend un­si­che­ren Le­bens­si­tua­ti­on, dar­un­ter auch die Fa­mi­lie Red­ze­po­vic. 1995 kommt es im Ko­so­vo zu den ers­ten grö­ße­ren be­waff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die 1998 schließ­lich im Krieg mün­den.

Der äl­tes­te Sohn, Mi­ros­lav, ist bei der Flucht ge­ra­de ein­mal zwei Jahre alt. Sie hof­fen auf Schutz, su­chen Zu­flucht in Deutsch­land und ge­lan­gen schließ­lich nach Syke, kom­men unter in einem Flücht­lings­la­ger am Stadt­rand. Sie be­an­tra­gen Asyl. Trotz der end­gül­ti­gen Ab­leh­nung die­ses An­tra­ges im Jahre 1993 bleibt die Fa­mi­lie mit dem Sta­tus einer Dul­dung in Deutsch­land. Sie schöpft neue Hoff­nung: Ein Leben ohne Krieg, ohne Aus­gren­zung und Dis­kri­mi­nie­rung. Mi­ros­lav und seine Ge­schwis­ter be­su­chen den Kin­der­gar­ten, an­schlie­ßend die Schu­le. Ihre Kind­heit, ihre Ju­gend – ihre Er­leb­nis­se, Er­in­ne­run­gen und Freun­de wur­zeln in Deutsch­land. Etwas an­de­res ken­nen sie gar nicht. Die Furcht, even­tu­ell ab­ge­scho­ben zu wer­den, ist ver­drängt, auch wenn die Fa­mi­lie ihr nicht ewig ent­flie­hen kann und wo­mög­lich ahnt, dass sie eines Tages ihre neue Hei­mat ver­las­sen muss. Al­ler­dings steht auch der Auf­ent­halt in Deutsch­land nicht unter den bes­ten Vor­zei­chen. Zwar kön­nen die Kin­der der Red­ze­po­vics das Bil­dungs­an­ge­bot wahr­neh­men, doch sind sie von einem ei­gen­stän­di­gen Leben noch weit ent­fernt. Das Flücht­lings­heim, in dem die Fa­mi­lie un­ter­kommt, ist alles an­de­re als wohn­lich. Rat­ten kom­men durch Lö­cher ins Haus, Zim­mer­wän­de wer­den feucht, es ist kalt. Ljail­je sorgt sich um die Ge­sund­heit ihrer Kin­der. Es wer­den nicht al­lein die Um­stän­de sein, in denen sich die Fa­mi­lie Red­ze­po­vic be­fin­det, son­dern auch die immer stär­ker wer­den­de Ge­wiss­heit, ihnen nicht ent­kom­men zu kön­nen. Sie träu­men davon, sich etwas auf­zu­bau­en. Doch die gan­zen Jahre über, die sie seit 1993 den Sta­tus einer Dul­dung haben und im Grun­de ge­nom­men jeden Tag ab­ge­scho­ben wer­den kön­nen, sind sie nicht ein­mal in der Lage, für sich selbst zu sor­gen. Sie sind und blei­ben der Will­kür und „Barm­her­zig­keit“ der Be­hör­den und des Staa­tes aus­ge­lie­fert; denn trotz end­lo­ser Bit­ten bekam Milos nicht ein­mal die Er­laub­nis, in Deutsch­land zu ar­bei­ten. Er will für seine Fa­mi­lie sor­gen – aber schei­tert er letzt­lich nur an einem Stück Pa­pier? Warum soll­te die Fa­mi­lie ab­ge­scho­ben wer­den? Waren die Kin­der nicht „genug“ in­te­griert, in Deutsch­land auf­ge­wach­sen und die Lan­des-​ als Mut­ter­spra­che? Kann man je­man­den, dem die Ar­beit ver­wei­gert wird allen Erns­tes vor­wer­fen, er lebe auf Staats­kos­ten? Für wen gilt das Recht, ein Leben in Würde zu füh­ren, wenn es einem Men­schen un­mög­lich ge­macht wird, es selbst in Würde zu be­strei­ten?

Im Ko­so­vo sind die Roma un­er­wünscht, sie wer­den von den Al­ba­nern als Ver­rä­ter de­nun­ziert, da man ihnen die Zu­sam­men­ar­beit mit den Ser­ben vor­wirft. Selbst die Ge­ne­ra­ti­on da­nach, die die ehe­ma­li­ge Hei­mat ihrer El­tern nie kann­te, ist der un­glück­se­li­gen Si­tua­ti­on der Roma im Ko­so­vo hilf­los aus­ge­setzt.

„Die An­wäl­tin der Fa­mi­lie kennt die Lage der Roma in Ju­go­sla­wi­en. ‚Von Jobs sind Roma aus­ge­schlos­sen, für die an­sons­ten kos­ten­lo­se Ge­sund­heits­ver­sor­gung müs­sen sie zah­len, sie fal­len kaum unter den Schutz des Ge­set­zes, wer­den in [Zelt]la­gern zu­sam­men­ge­pfercht‘, sagt An­wäl­tin Chris­ti­na Brem­me.“ (Micha­e­la Ger­ner in: taz Bre­men, 26. No­vem­ber 2002).

Im Jahr 2002 räumt Milos alle Schrän­ke, Bet­ten und Ma­trat­zen vor die Un­ter­kunft. Innen ist es feucht und schim­me­lig. „Lie­ber drau­ßen im Regen als in die­sen Zim­mern“ (aus Hinz&Kunzt 216/Fe­bru­ar 2011) – eine der letz­ten Ver­zweif­lungs­ta­ten des Va­ters von fünf Kin­dern, ge­ra­de ein­mal 34 Jahre alt. Es ist das Jahr, an dem die Fa­mi­lie zer­bricht. Es ist das Jahr, in dem Milos zum letz­ten Mal sagen wird, er hole Zi­ga­ret­ten.

In einem Bei­trag der taz wird die Ein­stel­lung des da­ma­li­gen Bür­ger­meis­ters Ha­rald Beh­rens, der die­ses Amt auch heute noch inne hat, wie folgt wie­der­ge­ge­ben: „In einer Er­klä­rung gab der Bür­ger­meis­ter von Syke dem Vater die Schuld am Schick­sal der Fa­mi­lie.“ (Chris­ti­an Jakob in der taz, 08.​12.​10)

Es scheint kaum vor­stell­bar, wie viel an­ders sich das Leben, das man­cher­orts tref­fen­der mit Über­le­ben um­schrie­ben wäre, ge­stal­tet. Ab­schie­bun­gen wer­den nicht an­ge­kün­digt, sie wer­den be­schlos­sen und ohne wei­te­re Rück­sicht – nicht ein­mal auf Krank­hei­ten – durch­ge­führt. In der Regel ist eine halbe Stun­de Zeit, um die wich­tigs­ten Dinge mit zu neh­men. Be­reit steht ein ge­char­ter­tes Flug­zeug, ein in­of­fi­zi­el­ler Flug – um die Ra­di­ka­li­tät und den un­mensch­li­chen Cha­rak­ter die­ser Ab­schie­be­po­li­tik mög­lichst gut ver­schlei­ern zu kön­nen.

Im Jahr 2004, zwei Jahre spä­ter, wird auch die Ro­ma-​Fa­mi­lie, die sich An­fang der 90er Jahre in Deutsch­land Schutz und ein ei­ni­ger­ma­ßen fried­li­ches Leben er­hoff­te, ab­ge­scho­ben. Ver­schleppt. Nach Ser­bi­en. Ein Land, dass den El­tern fremd ge­wor­den ist und wel­ches die Kin­der gar nicht ken­nen, nie ge­kannt haben. Drei der Kin­der be­sit­zen nicht ein­mal die ser­bi­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit, sind dort nicht re­gis­triert. Sie ken­nen weder die Kul­tur, noch die Spra­che, und erst recht nicht die Le­bensum­stän­de. Sie wis­sen nur, dass sie es als Roma dort sehr viel schwe­rer als in Deutsch­land haben wer­den.

Für Mi­ros­lav, der zum Zeit­punkt des Todes sei­nes Va­ters ge­ra­de ein­mal 14 Jahre alt war, hat mit der Rück­kehr nach Ser­bi­en der Alb­traum erst be­gon­nen. Es ist keine Über­trei­bung, denn Alb­träu­me hat er seit­dem wirk­lich. Für die an­de­ren Fa­mi­li­en­mit­glie­der ist es nicht ein­fa­cher, mit ihrem un­ge­wis­sen Schick­sal zu­recht­zu­kom­men, nur war der Tod des Va­ters erst der Auf­takt der schreck­li­chen Er­leb­nis­se, die Mi­ros­lav noch wi­der­fah­ren soll­ten.

Aus Hinz&Kunzt 216/Fe­bru­ar 2011:
„[…]Mi­roslaw er­schau­ert heute noch, wenn er von dem Tag sei­ner Ab­schie­bung er­zählt. „Ich habe die ganze Zeit nur ge­weint“, sagt er mit lei­ser Stim­me. „Ich habe meine Tante an­ge­ru­fen und ins Te­le­fon ge­schrien: ‚Tante, die schie­ben mich ab!‘“ We­ni­ge Stun­den spä­ter steht die Fa­mi­lie am Bel­gra­der Flug­ha­fen. Mi­roslaw kennt Ser­bi­en nur aus Er­zäh­lun­gen. „Das war wie in einer ganz an­de­ren Welt, wie auf einem an­de­ren Pla­ne­ten“, sagt er. „ Das war das Schlimms­te, was ich er­le­ben konn­te nach dem Tod mei­nes Va­ters.“ Mi­roslaw spricht kaum Ser­bisch, bis heute. Seine Spra­chen sind Deutsch und Ro­ma­nes. […] Wie viele Roma […] fin­det kei­nen Job. Fast täg­lich wird er von ir­gend­wem als „Zi­geu­ner“ be­schimpft.
Im Ja­nu­ar 2007 er­lebt Mi­roslaw sei­nen schlimms­ten Tag in Ser­bi­en. Auf dem Weg nach Hause gerät er in eine Po­li­zei­kon­trol­le. Weil er sei­nen Aus­weis nicht bei sich hat, neh­men ihn die Po­li­zis­ten mit auf die Wache. Einer von ihnen be­ginnt so­fort, Mi­roslaw zu schla­gen. „Das, was ich im Leben am meis­ten hasse, sind Al­ba­ner und Zi­geu­ner“, brüllt er Mi­roslaw ins Ge­sicht. „Ihr ver­pes­tet unser Land!“ Erst Stun­den spä­ter wird Mi­roslaw frei­ge­las­sen, seine Groß­mut­ter rät ihm, die Po­li­zis­ten an­zu­zei­gen. Als er das tut, ste­hen sie wie­der vor sei­ner Tür. „Sie mein­ten, ich hätte ver­ges­sen, etwas zu un­ter­schrei­ben“, er­zählt Mi­roslaw. Auf der Wache zie­hen sie ihn aus und fes­seln ihn im Kel­ler an eine Hei­zung. Ein Po­li­zist zer­reißt vor sei­nen Augen die An­zei­ge und sagt: „Le­bend kommst du hier nicht mehr raus.“ Meh­re­re Po­li­zis­ten schla­gen auf Mi­roslaw ein, drü­cken Zi­ga­ret­ten­stum­mel auf sei­ner Brust aus und miss­brau­chen ihn mit einem Schlag­stock. Bis heute ver­fol­gen Mi­roslaw Alp­träu­me. „Jedes Mal, wenn ich auf Toi­let­te gehen muss, kommt alles wie­der hoch“, sagt er.

Nur mit Glück über­lebt Mi­roslaw die Fol­ter: Ein jun­ger Po­li­zist lässt ihn aus Mit­leid durch die Hin­ter­tür weg­lau­fen. Mi­roslaw rennt zu sei­ner Groß­mut­ter, lässt sich von ihr etwas Geld geben und flieht zu einem Onkel nach Po­za­re­vac, süd­öst­lich von Bel­grad. Über drei Jahre lang hält er sich dort ver­steckt, hilft sei­nem Onkel im Haus­halt, ver­lässt sel­ten sein Zim­mer. Er weiß von sei­ner Groß­mut­ter, dass die Po­li­zei ihn sucht. „Ich hatte jeden Tag Angst“, sagt er. „Mit der Angst ein­schla­fen, mit der Angst wie­der auf­wa­chen. Mein Herz klopft noch heute wie ver­rückt, wenn ich eine Po­li­zei­si­re­ne höre.“[…]“

Im Ok­to­ber 2010 flieht er zu­rück nach Deutsch­land. Es ist, „[…] ‚als würde ich nach Hause kom­men‘, sagt Mi­ros­lav […]. (aus Hinz&Kunzt 216/Fe­bru­ar 2011).

Der Un­ter­schlupf bei sei­ner Tante in Ham­burg hält nicht lange vor. Es ist pa­ra­dox: Nach­dem sich der Tod sei­nes Va­ters zum ach­ten Mal jährt, kommt Mi­ros­lav in eine Po­li­zei­kon­trol­le. Fak­tisch ist er ein Bür­ger Deutsch­lands. Die nächs­ten Tage ver­bringt er je­doch in der Ham­bur­ger Ab­schie­be­haft wie ein Kri­mi­nel­ler. Er kann nicht wie­der zu­rück nach Ser­bi­en. Noch in der Zelle wird sein An­trag auf Asyl ab­ge­lehnt. Es ist An­fang De­zember und Mi­ros­lav zieht die schein­bar letz­te Kon­se­quenz: Er be­schließt, sich um­zu­brin­gen. Hätte ihn nicht zu­fäl­lig ein Be­am­ter ge­fun­den, wäre Mi­ros­lav, der sich an sei­nen Schnür­sen­keln auf­häng­te, nicht in der Lage ge­we­sen, heute über seine schau­ri­gen Er­leb­nis­se zu be­rich­ten.

Diese Ge­schich­te ist wahr­lich eine tra­gi­sche. Sie ist nicht die ein­zi­ge – auch nicht in Syke. Es sind min­des­tens vier wei­te­re Selbst­mord/ver­su­che al­lein in Syke be­kannt. Doch zu­min­dest eine Frage bleibt:

Ist ver­ges­sen wirk­lich so leicht?

Aus der Kreis­zei­tung, 01.​01.​10
„[…]Ihre Wün­sche an die Stadt Syke hat­ten die 31 Teil­neh­mer der VHS-​In­te­gra­ti­ons­kur­se auf Post­kar­ten fest­ge­hal­ten. Zum Ab­schluss der In­te­gra­ti­ons­wo­che über­reich­te Rabia Schä­fer Bür­ger­meis­ter Dr. Beh­rens [der glei­che wie schon 2002, Anm. d. Verf.] einen Um­schlag mit den ge­sam­mel­ten Wunsch­zet­teln. […] Eine Kurs­teil­neh­me­rin sprach den Bür­ger­meis­ter di­rekt an: „Ich möch­te gerne in Deutsch­land blei­ben. Das ist mein größ­ter Wunsch.“

Grund­sätz­lich sei Ein­wan­de­rungs­po­li­tik eine Auf­ga­be der „gro­ßen Po­li­tik“ in Ber­lin, nahm Beh­rens zu die­sen Wün­schen Stel­lung. Auf lo­ka­ler Ebene gehe es um ein gutes Mit­ein­an­der und den ge­gen­sei­ti­gen Re­spekt. Diese Form des Mit­ein­an­der [sic!] werde in Syke be­reits ge­pflegt. Dabei er­in­ner­te er an ge­mein­sa­me Ak­tio­nen vor dem Rat­haus […].“

Soll­te es nicht ein Gebot der Mensch­lich­keit sein, jenen Schutz zu bie­ten, die ihn so in­stän­dig er­bit­ten?

Milos hat sich für seine Fa­mi­lie ge­op­fert. Es war eine Tat der Ver­zweif­lung, die es zu­min­dest sei­ner Fa­mi­lie er­spa­ren soll­te, nach Ser­bi­en ab­ge­scho­ben zu wer­den. Neben der Fa­mi­lie von Milos exis­tie­ren über 10.​000 wei­te­re Roma, denen die Ab­schie­bung in den Ko­so­vo droht, etwa die Hälf­te davon sind Kin­der. Fa­mi­li­en wer­den dabei mit einer Be­harr­lich­keit und einer Selbst­ver­ständ­lich­keit aus­ein­an­der ge­ris­sen, die einen er­schau­ern lässt.

Der Ko­so­vo hat mit sich selbst be­reits genug zu kämp­fen: Die Ar­beits­lo­sen­quo­ten sind enorm, doch ist ihnen die Armut in nichts nach ge­stellt (Bsp…) Die Roma ge­hö­ren zu den Ärms­ten unter den Ärms­ten, eben­so wie Ash­ka­li und Ägyp­ter. Per­spek­ti­ven gibt es keine, was auch am ko­so­va­ri­schen Bil­dunsg­sys­tem deut­lich wird: Es exis­tiert je­weils nur eines für die Ser­ben und sei­nes für die Al­ba­ner, die Roma sind und blei­ben aus­ge­schlos­sen. Sie spre­chen weder al­ba­nisch noch ser­bisch und blei­ben dabei, in ärm­lichs­ten Ver­hält­nis­sen le­bend, unter sich. Kin­der wer­den zum Teil von ihrer Fa­mi­lie ge­trennt, sind ori­en­tie­rungs­los, müs­sen auf Schrott­plät­zen ar­bei­ten, um sich klei­ne Be­trä­ge zu er­wirt­schaf­ten, die ihnen das über­le­ben er­mög­li­chen sol­len. Die deut­sche Ab­schie­be­po­li­tik ver­mei­det es be­wusst, diese Um­stän­de zu sehen. Sie sieht Zah­len, die aus zahl­rei­chen Flücht­lin­gen eine an­ony­mi­sier­te Masse macht; die Men­schen­rech­te gel­ten ihr nur für „Le­ga­le“. Aber was heißt das? Be­zeich­net man einen Men­schen als il­le­gal, ent­zieht man ihm das Recht auf die ei­ge­ne Exis­tenz. Es ist ein ex­tre­mer Wi­der­spruch zu dem, was in den ers­ten zehn Ar­ti­keln un­se­res Grund­ge­set­zes steht. Sind Men­schen­rech­te etwa ein Pri­vi­leg?

Diese Ein­stel­lung ist un­glaub­lich und darf von nie­man­dem hin­ge­nom­men wer­den, der auch nur ein­mal an Men­schen­rech­te ge­dacht hat! Jeder Mensch soll­te das Recht haben, sich dort nie­der­zu­las­sen, wo ihm ein Leben in Würde zu­teil wird. Letzt­end­lich ent­schei­det nicht die Po­li­tik, nicht ein Ein­zel­ner. Es sind die Men­schen selbst. Ver­än­de­rung braucht Men­schen. Und sie braucht Mensch­lich­keit.

Die Würde des Men­schen IST un­an­tast­bar! Kein Wenn und Aber.

Des­halb for­dern wir:
-​bes­se­re Le­bens­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber_in­nen!
-​Ar­beits­er­laub­nis für Mi­gran­t_in­nen!
-​Ab­schie­be­stopp!

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