Abschiebung von John Adana vorerst gestoppt!
Es gelang, zunächst einmal bis April den Aufenthalt für John Adana in Deutschland zu sichern. Ein herzliches Dankeschön an alle, die sich dafür persönlich eingesetzt haben, als Beamtinnen und Beamte, die sich weigerten, den Geist des Grundgesetzes völlig über Bord zu werfen, als Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, als Vertreter der Kirchen, als Politiker, als Angehörige der Justiz und ganz besonders an jene, die durch ihre massiven Proteste geholfen haben, einen öffentlichen Druck aufzubauen!
Hier nun noch weitere Informationen zum Lebensweg von John Adana, nicht nur, um über seine Person zu informieren, sondern weil die Dinge, die ihm zustießen, so typisch für Flüchtlinge sind, die nach Deutschland kommen. Exemplarisch wird hier klar, wie einseitig oft die Informationen sind, die wir über Regionen erhalten, die von Krieg und menschlichem Elend heimgesucht werden.
Das, was uns in den Medien als Unterstützung einer demokratisch gewählten Regierung gegen eine Militärjunta, welche die Verfassung außer Kraft gesetzt hat, verkauft wird, entpuppt sich plötzlich als Verhinderung eines sich anbahnenden Friedensprozesses. Die Kräfte, die verjagt wurden, weil sie korrupt waren, weil sie Kriegsverbrecher als Minister einsetzten, weil sie private Söldnerarmeen engagierten und mit den Ressourcen ihres Landes bezahlten, die wurden nun mit europäischer „Entwicklungshilfe“ wieder eingesetzt und als demokratisch gewählte rechtmäßige Regierung gefeiert, mit dem Ergebnis, dass profitable Geschäfte mit Waffen weitergehen, Bodenschätze und andere Ressourcen billig nach Europa transferiert werden und Krieg und Elend dort kein Ende nehmen.
Und es wird klar, wie unmenschlich die deutsche Flüchtlingspolitik ist, wie sie dafür sorgt, dass rechtschaffene Menschen als Kriminelle wahrgenommen werden, wie grausam die Unterbringung in Lagern und Gemeinschaftsunterkünften sein kann, wenn man sich nicht aussuchen kann, mit wem man zusammenleben möchte und mit wem nicht. Es wird offensichtlich, wie alle Bemühungen, sich aus kriminellem Milieu fernzuhalten und den damit verbundenen Problemen aus dem Weg zugehen von Ausländerbehörden und Sozialämtern durchkreuzt werden, wie auf diese Weise die Menschenwürde und das Ansehen von Flüchtlingen in der Öffentlichkeit mit Füßen getreten werden – Erfahrungen, wie sie für tausende Flüchtlinge in Deutschland alltägliche traurige Realität sind.
Die Geschichte von John Adana
John Adana war mit 17 Jahren Soldat in der Regierungsarmee von Sierra Leone geworden und kämpfte darin, nachdem er 18 war, gegen die Rebellen.
Während vor 1992 die Lage aus Sicht der staatlichen Armee noch übersichtlich war, es fand ein Kampf gegen die Rebellen statt, begann sich die Situation dann immer mehr zu verkomplizieren. 1992 setzte eine Gruppe junger Offiziere unter Valentine Strasser den damaligen Präsidenten Joseph Saidu Momoh ab. Auslöser war die Kürzung der Bezahlung und der Nahrung, statt einem Sack Reis gab es nur noch einen Halben.
1995 versuchte Strasser das private Sicherheits- und Militärunternehmen Gurkha Security Group zu engagieren. Nachdem dieses bei einem Hinterhalt schwere Verluste erlitten hatte, zog es sich jedoch schon bald aus Sierra Leone zurück. Daraufhin verpflichtete Strasser im April desselben Jahres ein anderes Unternehmen, Executive Outcomes (EO) ein privates Sicherheits- und Militärunternehmen, welches Söldner und militärisches Material für den weltweiten militärischen Einsatz zur Verfügung stellte. In Ermangelung finanzieller Mittel sagte die Regierung der EO Diamantenminen-Konzessionen in Koidu im Distrikt Kono zu.
Infolge des Druckes der IWF und der Weltbank kündigte Präsident Kabbah 1996 den Vertrag mit Executive Outcomes (EO). Die EO arbeitete bereits neben der offiziellen Armee mit anderen Milizen zusammen. Der Führer der größten Selbstverteidigungsmiliz, Chief Hinga Norman (der später als einer der größten Kriegsverbrecher angeklagt wurde), wurde unter Kabbah nach Kündigung der EO Innenminister (de facto zum Verteidigungsminister) und organisierte die Milizen als Ersatzarmee unter der Sammelbezeichnung Civil Defence Forces (CDF), wo er Kämpfer seiner Stammeszugehörigkeit rekrutierte, während er die aus seiner Sicht unzuverlässige Armee massiv verkleinern wollte. John Adana erlebte in dieser Zeit, wie eine Kaserne der offizielle Regierungsarmee, der er ja angehörte, von solchen durch Norman aufgebauten Milizen plötzlich völlig unerwartet und überraschend angegriffen wurde. Die Armee verteidigte sich notgedrungen selbst und fügte den Milizen Verluste zu. Daraufhin wurden die Kommandeure der Armee inhaftiert und mit falschen Unterstellungen angeklagt.
Ab Mai 1997 ergriffen Offiziere der offiziellen Regierungsarmee als Armed Forces Revolutionary Council unter Führung von Johnny Paul Koroma die Macht. Dies geschah aus Adanas Sicht aufgrund dieses Umganges mit dem regulären Militär, das von der eigenen Regierung den Milizen wie Schlachtvieh ausgeliefert wurde. Während in den Medien dieser Putsch kritisiert wurde, weil er die Verfassung außer Kraft setzte und Politiker und Regierungsmitglieder angriff und aus dem Land vertrieb, sieht Adana in diesen Aktionen eine folgerichtige Antwort auf korrupte und verräterische Aktionen, welche diese Regierungsmitglieder mit den privatwirtschaftlich organisierten Militärausrüstern (EO) und widerrechtlich agierenden Milizen tätigten. Während offizielle Medien den Putschisten vorwerfen, in der Folge gemeinsame Sache mit der Rebellenorganisation Revolutionary United Front (RUF) gemacht zu haben, erlebte Adana diese Zeit als eine Zeit der Beruhigung und der Versuche zur nationalen Aussöhnung mit dem Ziel, die Voraussetzungen für demokratische Wahlen und eine von der Gesamtheit des Volkes getragenen Regierung zu schaffen.
Er wirft Europa vor, durch seine massive Unterstützung dieser korrupten Regierungsmitglieder, die unter anderem durch die Versorgung mit russischen Waffen über Burkina Faso stattfand und mit Truppen der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS und insbesondere Nigerias in Zusammenarbeit mit der britischen Söldnerorganisation Sandline International (die wiederum aus der schon einmal engagierten Executive Outcomes hervorgegangen war) nun die als Junta diffamierte offizielle Regierungsarmee ab März 1998 angriff, den sich anbahnenden Friedensprozess verhindert zu haben. Im Gegensatz dazu berichtet die offizielle Berichterstattung davon, dass die Zivilbevölkerung mit einer Kampagne des zivilen Ungehorsams auf die Putschisten reagierte und in ihrem friedlichen Kampf gegen die Putschisten durch den bewaffneten Kampf der CDF gegen die People's Army unterstützt wurde. Es wird berichtet, dass der wieder ins Amt gebrachte Präsident Kabbah bei seiner Ankunft in Freetown einen freudigen Empfang durch die Bevölkerung erhielt, allerdings ist dieser Kabbah auch derjenige, welcher den Kriegsverbrecher Hinga Norman vorher über die offizielle Regierungsarmee gesetzt hatte. Auch dies wurde offiziell berichtet, seine Einsetzung als Innenminister in den einen Berichten und über dessen Anklage vor dem Sondertribunal für Sierra Leone als Hauptverantwortlicher für Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das Völkerrecht an anderer Stelle, was sich aber erst demjenigen erschließt, der intensiver diesen Berichten nachgeht.
Die Armee wurde offiziell aufgelöst und auch Adana wurde, wie viele andere Armeeangehörige in dieser Zeit inhaftiert. Dann wurde er wieder der neu organisierten Armee unterstellt, welche unter Führung der ECOWAS gestellt wurde. Im Gegensatz zur ehemaligen Regierungsarmee, die aus Einheimischen bestand, die ihrem Land verbunden waren und auch von solchen befehligt wurde, hatten nun die internationale Kräfte das Sagen, die mit extensivem Waffenhandel und kriegsbedingten Ausbeutung der Diamantminen verbunden waren und sich der Unterstützung Europas erfreuten.
Neben den Verwundungen, die Adana dann im Kampf mit Rebellen erlitt, waren diese Hintergrüne dafür maßgebend, dass er sich dazu entschloss, aus der Armee zu desertieren. Er floh und kam im März 2000 in Deutschland an. Seine erste Station war die Erstaufnahmeeinrichtung Jena-Forst.
Nach ca. zwei Monaten lernte er Aktivisten von „Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und Migranten“ und „The Voice Refugee Forum“ kennen und beteiligte sich seit dieser Zeit bei diesen Organisationen. Im Herbst des Jahres 2000 bekam er dann Transfer nach Arnstadt (Einweisung in die dortige Asylunterkunft).
Am 22. Oktober besuchte er mit noch zwei anderen schwarzen Freunden in Arnstadt eine Disco. Dort wurden sie angepöbelt und dann durch Nazis tätlich angegriffen. Er rief die Polizei. Bis zu deren Eintreffen kam es dann zu einer Schlägerei. Als die Polizei endlich eintraf, nahm sie aber nicht etwa die Nazis fest, sondern führten die drei Flüchtlinge, die Opfer dieser Übergriffe waren, in Handschellen ab. Ein Freund kam in eine Arrestzelle und die anderen beiden saßen mit Handschellen im Wartezimmer. Dann trafen auch die Nazis ein, allerdings ohne Handschellen und nahmen auf der gegenüberliegenden Seite des Wartezimmers Platz. Polizeibeamte standen zwischen beiden Gruppen. Gleich neben John Adana und dessen Freund stand ein Kaffeeautomat. Ein Nazi fragte den Polizisten, der davor stand, ob er sich einen Kaffee nehmen dürfe. Er ließ einen Becher voll und schüttete diesen dann John Adana auf dessen Kleidung. Die Polizei zeigte daraufhin keinerlei Reaktion. Dann wurden die schwarzen Freunde nacheinander verhört und konnten dann gehen.
Einige Tage später griffen dann Nazis das Asylheim an und versuchten es in Brand zu setzen. Eine Frau rief die Polizei. Die Nazis wiederholten die Attacken und es kamen Freunde von verschiedenen Organisationen, um die Flüchtlinge zu schützen, worauf hin dann die Nazis verschwanden.
Später fand dann in Arnstadt eine Demo gegen diese Naziübergriffe statt, welche wiederum von Nazis attackiert wurde. Die Polizei trennte beide Gruppen.
Diese Vorfälle zogen eine Reihe Gerichtsverfahren nach sich, in denen auch die Flüchtlinge mit erfundenen Vorwürfen angeklagt wurden. Nach 4 Jahren schließlich wurden diese Verfahren eingestellt ohne dass irgendjemand verurteilt wurde.
Inzwischen war John Adana in das ehemalige GST-Lager (aus DDR-Zeiten) am „Neuen Haus“ transferiert worden, wo er nun mitten im Wald zwischen Tambach-Dietharz und Georgenthal mit ca. 500 Flüchtlingen auf diesem Gelände, eingezäunt mit Stacheldraht, lebte. Später kam er dann nach Gotha und dann nach Waltershausen in die Gemeinschaftsunterkunft.
Aufgrund zweier Vorfälle ist John Adana vorbestraft. In einem Fall fand ein Umtrunk in der Gemeinschaftsunterkunft statt, wobei durch eine brennende Zigarette aus Versehen eine Matratze angezündet wurde. John Adana wurde deswegen Brandstiftung unterstellt. Sein Rechtsanwalt teilte ihm mit, dass er deswegen mit einer ca. 8-järigen Gefängnisstrafe zu rechnen habe. Daraufhin suchte Adana in Erfurt die Staatsanwältin auf und erklärte ihr im persönlichen Gespräch, wie es zu diesem Vorfall gekommen war, worauf hin diese ihn beruhigte, dass die Strafe milde ausfallen würde. Der Rechtsanwalt war sehr erbost darüber, dass Adana persönlich die Staatsanwältin aufgesucht hatte. Später wurde Adana zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt, hatte aber die Prozesskosten von ca. 2500 € zu tragen, die er später in Raten bezahlte.
In dem anderen Fall wurden bei einer Polizeirazzia in seinem Zimmer, welches er mit 3 anderen Kollegen teilte, Drogen im Bereich seines Bettes unter dem Teppich gefunden. Da alle behaupteten, dass es nicht ihre Drogen seien und sie von nichts wüssten, erhielt John Adana einen Strafbefehl über 250 €, in welchem er fälschlicher Weise bezichtigt wurde, den Besitz von 0,46 g eines Heroingemisches zugegeben zu haben. Tatsächlich hatte Adana mit allen Mitteln versucht, sich der schlechten Gesellschaft dieser Kollegen zu entziehen. Vielfach hatte er Anträge auf Umverteilung gestellt, um solchen Problemen zu entgehen, die aber sämtlich von der Ausländerbehörde und dem Sozialamt abgelehnt wurden. Er hatte deswegen auch versucht, den Bürgermeister zu sprechen. Die Ausländerbehörde versuchte, ihn davon abzuhalten, weitere Institutionen einzuschalten, um seinem Anliegen, nämlich dieser Wohngemeinschaft zu entkommen, Nachdruck zu verleihen. Trotzdem wendete sich Adana noch an eine vorgesetzte Stelle des Landratsamtes, allerdings sämtlich ohne Erfolg. Er mied, so oft er konnte, diese Gesellschaft, als er aber einmal spät in der Nacht in sein Zimmer kam, um zu schlafen, fand am anderen Morgen diese Razzia statt.
Der Fehler von John Adana war, dass er auf anraten seines Rechtsanwaltes den Strafbefehl bezahlte statt gegen die falsche Unterstellung zu klagen (er hatte lediglich das Durchsuchungsprotokoll unterschrieben) und keine Gerichtsverhandlung stattfand, somit gilt er als rechtskräftig verurteilt, was ihm nun in der versuchten Abschiebung zum Verhängnis geworden ist. Später wurden allerdings durch weitere Beobachtungen der Polizei dann diejenigen gefunden, der wirklich die Drogen im Zimmer versteckt hatten und zu 4 bzw. 3 Jahren Haft verurteilt. Allerdings war Adana nie soweit gegangen, seine Zimmerkollegen als Rauschgiftdealer anzuzeigen, schließlich war er gezwungen, mit ihnen zusammen zu leben, er versuchte lediglich von ihnen wegzukommen. Nachdem diese aber von der Polizei verhaftet worden waren, sagte er als Zeuge gegen sie aus.
Im Jahr 2007 gelang es ihm dann, bei Continental in Waltershausen Arbeit zu finden, wo er vom 07.12.2007 bis zum 15.04.2008 arbeitete. Dann fand er bei der Zeitarbeitsfirma „Logworks“ in Stuttgart Arbeit, wo er vom 23.06.2008 bis zum 09.02.2009 arbeitete. Aufgrund der Wirtschaftskrise, die sich ja zuerst auf die Leiharbeitsfirmen auswirkte, verlor er dann dort die Arbeit. Trotz dieser Krise gelang es ihm aber, erneut Arbeit zu finden, bei der Firma „Personal-Team“ aus Ludwigshafen, wo er seit dem 16.04.2009 bis heute einen unbefristeten Arbeitsvertrag hat. Diese ließ ihn in Frankfurt bei der Firma Brandenburg in der Abteilung Fleischproduktion arbeiten, wo er bis jetzt in kalten Räumen eine anstrengende Knochenarbeit geleistet hat.
Der Asylantrag von John Adana war abgelehnt worden, aber aufgrund der Tatsache, dass er Arbeit gefunden hatte und damit sein Leben finanzierte, erhielt er eine Aufenthaltserlaubnis.
Nun, Ende des 10. Jahres seines Aufenthaltes in Deutschland, wurde ihm, obwohl er immer noch im Besitz eines unbefristeten Arbeitsvertrages war, sein Aufenthalt widerrufen. Am 08. Januar 2010 wurde seine Aufenthaltserlaubnis von der Gothaer Ausländerbehörde eingezogen und er bekam eine Duldung bis zum 27. Januar, an dem seine Abschiebung geplant war.
Die Abschiebung kam zustande, weil Botschaft seines Heimaltlandes ein Passersatzpapier ausgestellt hatte.
Weil Adana aus der Armee desertierte, erwartet ihn in Sierra Leone eine Verurteilung und Gefängnishaft, es besteht auch die Gefahr, dass er gefoltert wird.
Nunmehr ist John Adana erst einmal bis April vor Abschiebung sicher. Wir bedanken uns nochmals herzlich bei allen, die sich für die Verhinderung dieser Abschiebung eingesetzt hatten!
Michael Stade, Waltershausen
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